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Geschichte - Geschichte und Hintergründe

Aktion LebensTräume und Impuls Afghanistan Delegation fliegt mit der Bundeswehr von Köln nach Kabul.

Am Freitag (18.07) startete die Bundeswehrmaschine mit den Gebrüdern Akbarzada ( Impuls Afghanistan / Ravensburg und Schweiz), Peter Eisenhofer und Klaus Wassermann (Aktion LebensTräume) von Köln nach Kabul. Die Delegation ist gut angekommen und wir stehen derzeit mit ihr in direktem Kontakt.

- Bei ihrem Marathon durch die Behörden und Ministerien hat die Delegation mit ihrem Besuch bei dem afghanischen Aussenminister Dr. Abdullah Abdullah gleich an höchster Stelle begonnen. Die ersten Bilder sind per E-Mail eingetroffen.

Erster Reisebericht von Klaus Wassermann aus Kabul.

Also erst mal ganz liebe Grüße an alle geneigten LeserInnen und eine Runde Mitleid für mich, da der erste Artikel samt mitgesendeter Bilder verschollen ist / und ich somit einen neuen lilterarischen Anlauf unternehme. Hoffe die Tagesenergie reicht noch, die Augen sind heute schon müde...

" ... mit kleinen Schritten Frieden schaffen ..."

"Darf mit - Sie sind sicher ein Doktor und gebraucht wird das auf alle Fälle. Bismallah, mein Bruder!".

Also sofort weiter und durch die Kontrolle der Bundeswehrsoldaten am Militaerflugplatz Bonn/Koeln. Soeben haben wir uns eingecheckt für unseren Flug von Köln über Termis/Usbekistan nach Kabul. Der Soldat mit deutscher und marrokanischer Staatsbürgerschaft hatte unser Handgepäck untersucht und mit den Vorgesetzten geklärt, ob wir das im Handgepäck mitgeführten chirurgische Bestecke mit an Bord unseres Flugzeuges nehmen dürfen. Wir dürfen! Und so ertönt zum ersten Mal der moslemische Brudergruß und ein warmes, liebevolles Leuchten aus glühenden Augen umfängt unsere Reisegruppe. "Viel Erfolg und kommt wieder gut zurück. Gott mit Euch!"

Und da stehen wir nun die afghanischen Brüder Wahid und Farhad Akbarzada für die Vereine Impuls Afghanistan aus der Schweiz und Deutschland, sowie Peter Eisenhofer und Klaus Wassermann für die Allgäuer Kinderhilfsorganisation Aktion LebensTräume und warten auf den Abflug des Airbus nach Kabul. Mit uns warten ca. 100 deutsche Soldaten. Sie sind Teil des Vorkommandos, das den großen Truppenaustausch der bis Anfang August nun stattfindet, einleitet. Dabei auch eine bunte Truppe mit gemischten Uniformen: Das ist Verstärkung für das Nato-Kontingent in Kabul. Sie sollen demnächst die Leitung des gesamten Einsatzes von der amerikanischen Besatzungsmacht übernehmen. Bis zum Ende des Fluges werden wir fast gelernt haben, die unterschiedlichen Nationen an ihren Uniformen zu erkennen. Damit sind wir dann fast so gut, wie die Menschen auf den Strassen von Kabul. Doch das lernen wir erst noch kennen.

Vorerst herrscht noch ein lebhaftes Stimmengewirr und Treiben. Wir atmen durch. Waren die letzten Tage doch sehr angestrengt, da voll mit den Reisevorbereitungen. Bis zuletzt war nicht ganz klar, ob wir auf diesem Flug Platz haben werden. Kleider, Spielzeug, Schulmittel und Decken wurden von Freunden verpackt und angeliefert. Dazu Medikamenten- und Instrumentenspenden von befreundeten Ärzten. Um jedes Kilo hatten wir gerungen, immer wieder Persönliches ausgepackt um möglichst viel für die Menschen in Afghanistan mitnehmen zu können. Letztlich hatten die Mitbürger in Uniform bei der Abfertigung wohl mehr als ein Auge zugedrückt. Später in Kabul sollten wir Gelegenheit erhalten durch einen direkten Kontakt mit dem Transportminister, die Freigabe für den Transport von 2 Tonnen Hilfsgütern mit der afghanischen Fluggesellschaft Ariane zu bekommen. Welche Freude!

In dem Wartezelt begannen bereits die ersten Gespräche mit den Soldaten. Wir waren die einzigen in Zivil und erweckten so die Neugierde für den Grund unserer Reise. Ein langes Gespräch mit einer schwarzen Soldatin, die für die Nato einreiste, stimmte sehr nachdenklich. Sie machte aus ihrer Beklemmung kein Geheimnis und war als Lehrerin sehr betroffen von der Situation, die auf sie wartete.: Als Amerikanerin und Soldatin in ein muslimisches Land einzureisen, das durch die Aktivitäten ihres eigenen Landes mehr als gelitten hatte. Ich lauschte und spürte das Unbehagen.

An Bord des Fluges war viel Sanitätspersonal. Die Einsatzzeiten variierten von 1 Monat bis 6 Monate, je nach Verwendung. Wir hörten viele Geschichten und Schilderungen dieser Männer und Frauen aus den bereits erfolgten Auslandseinsätzen. Und waren alle froh, dass wir aus humanitären Gründen für den Aufbau von Schulen reisen durften. Irgendwie fühlte sich das einfach leichter an.

An Bord der Maschine arbeiteten die Vereinsvertreter emsig an den Anliegen und Projekten, die es zu bewältigen gilt. Langeweile kam dabei nicht auf. Vielmehr entstand so manch interessanter Ansatz und Ausblick - die Flughöhe wirkte wohl inspirierend.

Dann stand die Landung in Termes/Usbekistan an, dem deutschen Militärstützpunkt als Vorposten für Kabul. Und schon an Bord wendete sich das Blatt und die Stimmung. Dies nahm schlagartig noch zu mit der Begrüssung durch den Kommandanten. Der Offizier war sehr gastfreundlich und empfing uns im Aufenthaltsbereich unter freiem Himmel. Doch dann der Paukenschlag, als er allen eine gute Nacht wünschte und eindringlich anmerkte: " Bitte seien Sie sich alle bewusst. In Kabul herrscht die höchste Gefährdungsstufe. Das ist absoluter Ernst dort. Seien Sie absolut wach und vorsichtig. Halten Sie sich an die Sicherheitsvorschriften und sind sie sich über ihre Lage bewusst. Ich wünsche uns allen, dass wir uns wiedersehen!" - Das traf.

Von dem Moment an konnten wir nachdenkliche Gesichter ohne Ende sehen. Die Gespräche wurden weniger, die Soldaten still und konzentriert. Ja, wir standen vor dem Einflug nach Kabul. Das war kein Sonntagsspaziergang - und das war spätestens jetzt allen klar.

Unsere Reisegruppe hatte dies wohl schon durchgearbeitet. Wir hatten unsere bangen Gefühle und Gedanken alle gehabt. Etwas anderes wäre schlichtweg gelogen. Die Reise hatten wir aus Sicherheitsgründen schon zweimal verschieben müssen. Die afghanischen Partner hatten uns vor der Einreise zu früher geplanten Terminen abgeraten. So hatten wir dem ganzen viel Aufmerksamkeit gewidmet gehabt - und wollten nun endlich den Start für unsere Projekte vollziehen. Hatten wir doch so viele bürokratische Hürden im Inland und Ausland durchstanden. Nun waren wir voller Konzentration und gesammelt für unseren Auftrag, mit dem wir auf dem Weg nach Kabul waren:

Für eine Schule sollten wir den Grundstein mit den Mitteln der IKEA-Stiftung legen. Ein Neubau in Kunduz im Nordosten des Landes. Eine zweite Schule würden wir renovieren und fertig stellen mit den Mitteln von Children for a better world und dem Spendenergebnis der Augsburger Mädchenschule, dem Stetten-Institut. Weitere Projekte und Standorte waren zu besuchen, Gespräche mit Kooperationspartnern und offiziellen Stellen standen bevor - und noch so manches, von dem wir jetzt noch nichts wussten. Gut, dass die Lieben und VereinskollegInnen zu Hause in Gedanken mit uns sind. Das gibt mehr als gute Kraft. Auch schien es fast so, als ob uns das Willkommen der afghanischen Freunde bereits entgegenkam. Wir waren in ein friedvolles Feld gebettet. Das hält auch bei jedem Schritt unserer Reise an: Friedvoller Geist umspielt und begleitet uns.

Das mag verwegen klingen, bei der Reise in ein Land, das seit 30 Jahren vom Krieg gebeutelt wird. Doch hier ist so manches einfach ganz anders, als wir das kennen. "Die Perle des Orients", so wird Kabul genannt, sollte für uns zum Eingang in eine andere Welt und Dimension unseres Arbeitens werden.

Rechtschaffen müde wollten wir uns in eines der bereitgestellten Militärzelte und auf die dort vorhandenen Feldbetten legen. Doch da kam noch ein sehr junger Soldat auf uns zu. Er hatte gerade das Abitur gemacht und fragte ganz angespannt Farhad, unseren afghanischen Begleiter aus der Schweiz: "Kommen wir morgen gut nach Kabul? Oder meinst Du die schießen uns ab?"

Wir konnten ihn beruhigen. Wir konnten die paar wenigen Stunden auch gut ruhen. Bei ihm bin ich mir da nicht so sicher. Doch frühmorgens um 4 starteten die Flüge mit den Transall-Maschinen nach Kabul.

Ja, und wir sind auch alle gut dort angekommen und gelandet. Inschallah!!!

Dort wurden wir von den deutschen diensthabenden Soldaten noch tatkräftig beim Auffinden unseres Gepäcks unterstützt, zum angrenzenden Zivilflughafen gebracht und dort sehr herzlich von den afghanischen Freunden und Partnern in Empfang genommen. Alle hatten uns schon mit Spannung erwartet und eiligst wurde das Gepäck verladen. Flott saßen wir in einem Geländefahrzeug mit außergewöhnlichem Fahrer. Der ehemalige Leibwächter von Achmed Massoud, dem Volkshelden und Befreier Afghanistans, Wudoud nahm sich unser an. Neben ihm im Fussraum die Maschinenpistole liegend wurden wir durch die Strassen Kabuls zur Unterkunft gebracht, die die Familie von Wahid für uns alle vorbereitet hatte.

Viele neue Geräusche, Gerüche und Ansichten säumten unseren Weg, den sich unser Fahrer kräftig hupend durch das Kabuler Verkehrsgewühl bahnte. Wir wohnen in einem der noch am Besten verbliebenen Viertel Kabuls. Somit steht uns Strom und die meiste Zeit des Tages fließendes Wasser zur Verfügung. Von Mülltonnen keine Rede. In der ganzen Stadt. Auch die Müllautos sind während der Talibanzeit verschwunden. Entweder zerstört oder absolut umfuntioniert. Entsprechend schauen die Höfe und Randstreifen der Strassen aus.

Uns bot sich allerdings ein freudiger und lebendiger Anblick. Hatte sich doch die ganze Schar von Nichten, Tanten und Schwestern zu unserer Begrüßung auf dem Balkon der Wohnung in dem Wohnblock wo momentan unser Zuhaus ist eingefunden. Und alle ohne Burka, zwei mit Kopftuch. Wow, wie diese Augenpaare, gross und klein, jung und alt, da zu uns blitzten. Auch die Verlegenheit und freudige Erwartung war zu spüren bei der Ankunft der fremden Besucher.

Dies galt ja sogar fuer die eigenen Verwandten. Die beiden Brüder hatten wegen der Kriegswirren ihre Familie 14 bzw. 20 Jahre nicht mehr gesehen. Die Gefühle und die tiefe Rührung bei der Begrüßung kann man sich kaum vorstellen. Und für die ersten Stunden wollte da auch noch gar keine rechte Ruhe einkehren, die wir Deutschen sogleich im Kreise der Männer bei einer guten Tasse Tee und Früchten genießen durften.

Dann sammelte sich alles und das Arbeiten begann:

Der orthopädische Chefarzt des Militärkrankenhauses von Kabul, der momentan am Besten ausgestatteten Klinik war da. Wir werden in den nächsten Tagen die Möglichkeit zum Besuch und zum Filmen haben. Dann werden wir verstehen, was gut ausgestattet hier bedeutet, meinte er mit vielsagendem Kopfwiegen. Dazu musste ich gar nicht erst die Übersetzung aus dem Persischen abwarten.

Dann füllten Informationen und Berichte zum Schulneubau in Kunduz den Raum.

Bisher schriftlich und telefonisch ausgetauschte Informationen wurden nun direkt besprochen und nochmals aktualisiert und gebündelt. Alles war aufs Beste durchgearbeitet und geplant.

Dann folgte eine erste Stadtrundfahrt, die einfach als unglaublich zu bezeichnen ist. Manch älterer Deutsche mag sich an das Nachkriegsdeutschland erinnern, das mir nur aus Bildern bekannt ist. Doch dies hier übertraf das mir bisher bekannte um ein Vielfaches. Überall sind die Zeichen des Krieges zu sehen: Mauerreste, Einschläge, Einschüsse, Auto/ und Flugzeugwracks mitten in der Stadt, zerstörte Strassen, die eh in einem erbärmlichen Zustand sind, die Reste der Straßenbahn (für die man schon sehr viel Fantasie braucht, weis man nicht um deren frühere Existenz), ganze Straßenzüge einfach ausgelöscht. Heute haben wir auch zahllose Gräberreihen am Rande der Stadt gesehen. Zeichen für den Wahnsinn der hier tobte und alle gezeichnet hat.

Und dennoch. Die Menschen leben hier, die Menschen hier leben. Noch nie sah ich solch ein Strahlen, solche ein Leuchten, dieses Feuer, unser Feuer so nah und direkt. Unglaublich, berührend, stark und doch sanft. So strömten die Menschen in die Reste ihres Stadions zum Fussballspiel und kickten selber auf etwas, was kein Mensch mehr als Wiese bezeichnen kann.

Die Basare sind belebt, das Leben pulsiert. Und wie bereits gesagt, wären wir ohne afghanische Begleitung und Unterstützung aufgeworfen. Wahid beeindruckt mich in diesen Tagen sehr. Nach so langer Zeit die Familie wieder zu sehen und sich gleichzeitig so auf die Arbeit, diese, unsere Arbeit zu konzentrieren. Das verlangt mir großen Respekt ab. Er hat sich entschieden. Und mir ist auch so zu Mute. Wir spüren die Kraft, das Strömen, die Glut.

Wir sind im Fluss, kraftvoll. Der Stolz und die Kraft der Kämpfer, die ihre Freiheit erkämpft haben ist in den Begegnungen präsent und deutlich zu spüren. Entschiedenheit, Klarheit und die Kraft des freien Herzens formt so den Weg. Wir dürfen Verbindungen stiften und ich bin freudig gespannt, was wachsen will, sich zeigen mag.

Wir leben. Und wir leben mit diesen Menschen auf Mutter Erde. Da gibts kein Ausweichen, kein Vergessen. So, wie wir nicht vergessen, dass unsere Partnerinnen, unsere Kinder, unsere Familien, unsere Freunde und Freundinnen auch hier mit uns sind und wir mit ihnen. Das stärkt und wärmt das Herz, schützt die Sinne.

Ich ahne, dass dies keine Einbahnstrasse sein kann. Wir sind in Bewegung.

Wir sind bewegt. Wir bewegen.

Was wird die Zeit hier noch bringen, was unsere Rückreise?

Kurze Momente der Ausschau. Ansonsten voll im Augenblick und in dem, was sich jeweils vor Ort auftut.

So gehen wir nun in die Nacht. Sie wird reichlich kurz ausfallen. Morgen früh um 4 machen wir uns auf den Weg über den Hindukusch nach Kunduz zu Grundsteinlegung unserer ersten Schule.

Inschallah!

Friede sei mit Euch

In Verbundenheit Klaus

24.07.03

- Die Delegation hat den ersten Schulstandort in der Provinz Kunduz erreicht und gleich nach der Grundsteinlegung durch Klaus Wassermann begannen die Bauarbeiten. Weitere Standorte werden in den nächsten Tagen folgen.

Zweiter Reisebericht von Klaus Wassermann aus der Prov. Kunduz

Liebe Freundinnen und Freunde,

gerade in Kabul zuruekgekehrt und kurz vor unseren erneuten Abreise zur Sichtung weiterer Projetstandorte nutze ich die Zeit. Hier also in Kuerze unsere neuesten Erfahrungen und Eindruecke um die Schulgruendung in Kunduz:

"Heisse Sache oder: Der mühsame Weg nach Kunduz"

Frühmorgens um 4 Uhr fing für uns der Tag an. Mit lebendigem Vogelgezwitscher und einer leichten Brise machten wir uns auf den Weg. Mit zwei Geländefahrzeugen und mehreren afghanischen Begleitern, unseren Unterstützern hier vor Ort, machten Peter und ich uns auf die Fahrt nach Kunduz. 350 km Fahrt Richtung Nordost erwarteten uns, um die lange vorbereitete erste Schulgründung mit der Grundsteinlegung in Gang zu setzen.

Die tatkräftige Unterstützung der IKEA-Stiftung, der Kinderhilfsorganisation Children for a better world und die vielen Spenden der Menschen vor Ort hatten dies ermöglicht. Alles hatte begonnen mit dem Geburtstag meiner Lebensgefährtin vor nunmehr gut 1,5 Jahren. Damals wollten wir angesichts des Krieges nicht einfach nur feiern, sondern ein Friedensfest begehen und so den Frieden in uns und in der Welt stärken. Dabei entstand im Kreise von vielen lieben Freunden die Idee, den Menschen in Afghanistan ganz tatkräftig und direkt zu helfen. Und so entstand unsere Hilfsaktion fuer Afghanistan, deren gesamte Schilderung noch eine ganz andere und wohl auch eigene Geschichte darstellt.

Kurz und gut: Alle Mann an Bord unserer Strassenkreuzer verliesen wir Kabul.

Die ersten zwei Stunden des Weges durchquerten wir auf guter - das will sagen, dass nur ca. alle 300 Meter ein unbedingt zu umfahrendes Schlagloch zu verzeichnen war - Teerstrasse die ehemaligen Verteidigungsringe der Taliban um Kabul. Die Gegend erschien uns bereits hier wie der weltgrösste, nicht ueberdachte Schrottplatz. Links und rechts hügelige Steppenlandschaft mit kargem Bewuchs. Dieses ganze Bild ist gesprenkelt mit abgeschossenen Panzern und zerstörten Flugabwehranlagen. Durch dieses gruselige Spalier entlang der Strasse gelangten wir in die Provinz Parvan.

Unsere Begleiter erzählten uns über die endlosen Flüchtlingstrekks, die hier stattgefunden hatten, nachdem die Taliban ihren Schrecken verbreitet hattten. Die Menschen hatten in Scharen Kabul verlassen und auch ihre Dörfer. Sie wollten nicht gequält werden. Und sie wollten auch nicht zwischen den Kampflinien der Taliben zu Kanonenfutter werden. Ja, noch länger dauerte dieser Wahnsinn für die Afghanen. Dies war deutlich an den Militärschrottgenerationen abzulesen. Vor den Taliban hatte die Sowjetunion als Besatzungsmacht über viele Jahre hinweg den Krieg ins Land getragen. Auch deren Rückzug hatte nicht direkt fuer Ruhe gesorgt. Im Anschluss daran trugen die von den USA unterstützten und aufgebauten Taliban, terroristische Kraefte aus vielen arabischen Ländern, den Terror ins Land.

Wohin also sollten die Menschen sich wenden? Sie flüchteten in den Iran oder nach Pakistan - über 5 Millionen insgesamt. Und sie wandten sich Ihrem Volksführer zu: Massoud.

Er war ihr Kommandant und ein gläubiger Freund der Menschen und seines Landes mit einem einfachen, klaren Ziel: Freiheit und Frieden für Afghanistan ohne die Einmischung fremder Kräfte und Nationen. Dafür stand und steht Massoud. Er hatte sich ins Panjir-Tal begeben. Von dort stammt er. Ausserdem ist dieses Tal unbesiegt geblieben, da es strategisch so günstig inmitten der Berge liegt, dass niemandem der Zugang gelang.

Auf diesen Weg hatten sich die Menschen gemacht und Zuflucht gesucht – und gefunden. Alle Ethnien waren dort willkommen und lebten friedlich in dieser Notgemeinschaft. Nun waren wir auf diesem Weg und dies war schon ein eigenes Gefuehl. über lange Wegstrecken hinweg war da kein Stein auf dem anderen geblieben. Das amerikanische Bombardement hatte sein übriges getan. Die Landschaft ist schwer gezeichnet und die Trümmer werden wohl noch lange ihre ganz eigenen Sprache sprechen.

In den grösseren Orten blüht das orientalische Leben bereits wieder mit seiner eigenen Kraft. Die schöpften wir bei einem Frühstück in Charikar, dem Oberzentrum (ca. 800.000 Menschen) am Eingang des Panjir-Tales und am Fusse des Salang-Passes, den es für uns zu ueberqueren galt.

 

Leider waren wir noch zu früh und mussten uns so mit Tee und Brot begnügen. Die ansonsten noch übliche Marmelade hätte mit der heimischen Zwetschgenmarmelade wohl eh nicht konkurieren können und nach Reis war uns allen noch nicht. Die Hitze des Tages kuendigte sich naemlich schon mit voller Kraft an. An diesem Tag sollte es an unserem Zielort volle 52 Grad heiss werden - und wir sollten dies noch voll zu spueren bekommen.

Dann wurden die Autos noch einmal überprüft. Ein letztes Loch am Auspuff wurde geschweisst, Reifen und Reserveräder kontrolliert, aller Staub nochmals mit reichlich Wasser entfernt. Ja und dann begann er: unser Ritt über den Hindukusch.

In langen Serpentinien kletterten wir mit unseren Fahrzeugen den Salang-Pass hinauf. Dank der guten Vorbereitung und der guten Kontakte unserer afghanischen Partner hatten wir eine Sonderfahrerlaubnis zur Nutzung der Passstrecke erhalten. Diese ist wegen Bauarbeiten ansonsten gesperrt.

Die türkische Regierung hat den Auftrag für die Wiederherstellung des Passes erhalten, der ein russisches Bauwerk ist. Eigentlich hatte Deutschland dem König noch während seiner Regentschaft einen Tunnel geschenkt. Doch die Russen hatten dies nicht gewollt und so hatte der König abgelehnt und die Russen diesen Pass gebaut. Ja, und eigentlich hatte Russland nun Afghanistan die Wiederinstandsetzung des Passes geschenkt. Doch dieses Mal wollte die USA dies nicht und hatten den Auftrag an die Türkei vergeben, die 12 Fachkräfte für dies Riesenaufgabe geschickt hat (von denen die Hälfte bis auf weiteres für unterirdische Bauarbeiten an der amerikanischen Botschaft abgezogen ist.)

Die wesentliche Hintergrundinformation ist hier, dass der Norden und der Süden durch diesen Pass ihre direkteste Verbindung haben. Hier fliessen die Güter aus dem Norden Afghanistans, aus der ehemaligen Sowjetunion und aus China. Ist dieser Zugang blockiert, stagnieren auch diese Handelswege. Ja, die Gedanken sind frei ...

So frei hätte auch das Gipfelglück sich anfühlen können, erklommen wir doch etwa 3600 Meter Höhe. Doch der Salang-Pass war aus oben angeführten Gründen immer hart umkämpft. Er gilt als die wohl gefährlichste Wegstrecke der Welt, da links und rechts Unmengen von Minen verlegt wurden. Die Strasse selbst ist zerfetzt von den Luftangriffen und den Panzerraketen. Somit war ein abenteuerlicher Slalom angezeigt. Unsere Fahrer waren vollauf beschäftigt und bewiesen weltmeisterliche Qualitäten. Wir konnten dies nur mit Geduld begleiten.

Soviel Alteisen hatten wir wohl alle noch nicht gesehen. Panzer um Panzer lag da am Wegrand, in den Abhängen und im Fluss. Wir konnten erahnen mit welcher Wucht die Kämpfe getobt hatten. Massoud hatte das Nachbartal gehalten und war mit seinen Kämpfern immer wieder über die Hügelketten gekommen um den Besatzern den Nachschub abzuschneiden. Mit ihrem schweren Gerät waren sie dieser Strategie auf Dauer unterlegen gewesen.

Die ganze Strasse ist eine derartige Baustelle, dass wir alle die Bauzeit für die Restaurierung auf mindestens 5 Jahre einschätzten. Die Regierung hat der Bevölkerung mitgeteilt, es würde etwa 2 Monate dauern. Tja, auch hier gilt: Die Gedanken sind frei ...

Doch irgendwann wird Afghanistan über den Berg sein. Wir durften dies schon heute erleben. So nahmen wir die Passhöhe und machten uns auf den Weg ins Tal. Wunderbare Hügelketten des Hindukusch standen stolz bereit für eine atemberaubend schöne, wenn auch staubige Kulisse.

Hier und dort konnten wir die Zelte der Nomaden sehen, die hier immer noch ihr ursprüngliches Leben führen, ihre Herden hüten, hie und da Kleinigkeiten an die Reisenden verkaufen und ansonsten von dem ganzen Treiben recht unbeteiligt erscheinen.

Stunde um Stunde und Kilometer um Kilometer krochen wir voran. Anders kann man dies bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 30 KMH nicht bezeichnen. Bis zu unserem Zielort waren wir etwa 14 Stunden unterwegs. Hitze und Staub hatten uns allen zugesetzt und uns das Ende der Fahrt mehr als herbeisehnen lassen. Eigentlich wollten wir dieses Stück Weg mit dem Flugzeug bewältigen. Dies hätte eine halbe Stunde Flugzeit bedeutet. Doch unsere Reservierungen waren kurzfristig von dem obersten Militaerchef des Nordens anullliert worden.

So wurde uns dieses Erlebnis beschert. Und wir hielten durch. Die Belohnung war ein überaus freundlicher Empfang von unserem Gastgeber und Vertreter in Kunduz, dem engagierten Sarifi. Das Beste dabei war wohl zuvorderst die erfrischende Dusche. Danach folgte ein königliches Mahl und freundschaftlliche Gespräche über den Stand der Vorbereitungen und die Planungen des Projektes.

Zum Mahl erschien dann noch der beauftragte Bauunternehmer. In orientalischer Art und Weise wurde da der Kostenvoranschlag und das Vertragswerk besprochen. Freundschaftliche Worte wechselten die Seiten. Immer wieder der Blick in die Augen des anderen, der tief ins Herz ging. Dann erklärte sich der Bauunternehmer bereit 900 $ Preisnachlass zu gewähren - für die Kinder in Afghanistan. Er bedankte sich so herzlich bei uns für unser weites Kommen und dieses Zeichen deutsch-afghanischer Freundschaft, dass es mich selbst tief berührte. Er ist ein sehr religiöser Mensch und betrachtet diesen Auftrag als eine grosse Ehre für sich und seine Stadt. Er versprach grösste Sorgfalt und belegte dies durch Verbesserungsvorschläge, die er unentgeltich mit einbrachte.

Dieser Tag war unser Freund und wir gingen mit Vorfreude auf den kommenden Tag ins Bett: Unsere erste Schule sollte gestartet werden. Das Ergebnis umfangreicher Vorarbeiten von vielen Menschen.

27.07.03

Deutsche Hilfsorganisationen legen Grundstein fuer Schulbau in Nordafghanistan

Am Mittwoch den 24. Juli 2003 wurde mit dem Bau einer neuen Schule in Kunduz begonnen.Die deutschen Hilfsorganisationen Aktion LebensTräume, Memmingen und Impuls Afghanistan, Ravensburg, waren endlich am Ziel eines ihrer Entwicklungsprojekte in Afghanistan angelangt: Die Gründung und der Neubau einer Schule für die Kinder in Afghanistan.

Zusammen mit der in Kabul ansässigen afghanischen Partnerorganisation TAMANA – was übersetzt Hoffnung bedeutet – waren die Vereine erfolgreich bei der Implementierung dieses Bildungsprojektes angelangt. Möglich geworden war die Projektrealisierung durch die finanzielle Unterstützung der deutschen IKEA-Stiftung und den Beitrag der genannten Vereine. Children-for-a-better-world, eine deutsche Kinderhilfsorganisation, hatte massgebliche Unterstützung bei der Bereitstellung der Projektmittel geleitstet. Children selber wird bei einem der nächsten Schulprojekte in Afghanistan selbst direkter Finanzierungspartner bei der Projektrealisierung sein.

Nach einer langen und staubigen Reise der deutschen Reisedelegation und ihrer afghanischen Partner von Kabul erreichte die Reisegruppe Kunduz. Das Team benötigte für die 350 km lange Strecke, die durch die Bombardierung der Kriegstage noch grösste Schäden aufweist, mehr als 12 Stunden.

In Kunduz selbst konnte die Gruppe einen überaus warmen und herzlichen Empfang durch den örtlichen Vertreter der afghanischen Partnerorganisation und die Vertreter der Gemeinde geniessen. Die Kinder und deren Eltern von Temuri Alchen, einem Vorort von Kunduz waren sehr glücklich über diese Gelegenheit und Chance, die ihnen aus diesem Schulbau entsteht. Sie hatten alles perfekt vorbereitet.

Die offiziellen Ansprachen belegten den Wert und die Bedeutung von Bildung im Allgemeinen und besonders für das Land Afghanistan. Die ganze Zukunft und die weitere Entwicklung des Landes hängen direkt von Bildung, dem Bildungsstandard der Menschen und einem funktionierenden Schul- und Bildungswesen für Jungen und Mädchen ab. Deshalb wird der deutsche Beitrag zu dieser Entwicklung mehr als Willkommen geheissen. Er stellt die Fortsetzung der deutsch-afghanischen freundschaftlichen Beziehungen dar und wird als Solidarität in schwierigen Zeiten sehr hoch eingeschätzt.

Mit Liedern und Sketchen zeigten die Kinder anschliessend, wie sehr sie sich über ihre neue Schule freuten, die sie nunmehr innerhalb der nächsten zwei Monate beziehen werden. Ihre Beiträge drückten ihre Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und ohne Gewalt aus. Lernen bedeutet für sie die Möglichkeit neue Horizonte zu entdecken und mehr Möglichkeiten für ihre Zukunft zu erschliessen. Bis heute hatten sie nur über eine Zeltschule verfügt, in der bei Temperaturen bis über 50 Grad Celsius in Schichten Schulunterricht für etwa 580 Kinder stattgefunden hatte. Am Tag der Schulgründung hatten wir Glück und nur 45 Grad. Ein unvergesslicher Eindruck, was dies für den Alltag der Kinder bedeutete und welche Erleichterung ein kühlendes (bzw. Im Winter waermendes) Gebäude für die Menschen und insbesondere die lernbegierigen Kinder bedeutete. Der Direktor bereitet sich deshalb mit dem Kollegium auch auf einen gewaltigen Ansturm von Schülern vor, die bisher wegen der extremen Temperaturen nicht zur Schule gehen konnten.

Nach dem offiziellen Teil wurden vom Bildungsdirektor der Provinz Kunduz und den Vereinsvertretern der beteiligten Vereine der Grundstein fuer das zu erstellende Schulgebäude gelegt. Ein besonders bedeutsamer Beitrag wurde dabei von der Ortschaft selbst erbracht. So hatte sich ein Geschäftsmann aus Kunduz bereit erklärt, 2 Hektar Grund für die Schule zur Verfügung zu stellen. Somit ist die Erstellung eines Spiel- und Sportplatzes direkt im Anschluss an die Schule möglich geworden. Auch Toiletten und ein Brunnen wurden bereits erstellt. Der Bildungsdirektor erklärte sich fuer die Bereitstellung der Schulmlöbel und der erforderlichen Schulbücher in Landessprache bereit. Ein gelungenes Zusammenwirken, dass die Eigenkräfte der Menschen vor Ort mit einbindet.

Die Krönung des Tages erfolgte für die Festgemeinde durch den Besuch der Projektgruppe des Kabuler Theaters. Von den deutschen Vereinen in Kabul eingeladen machten die Schauspieler einen Abstecher, da sie sich eh gerade in dieser Region befanden. So trugen sie den Menschen ihre erzieherischen und volksbildnerischen Stücke vor. Die Inhalte beschäftigen sich mit dem Recht der Frauen auf medizinische Versorgung, der Erstellung einer Verfassung für Afghanistan und der Minenaufklärung. Alles Themen die den Aufbau des Landes und die Erholungsphase der Menschen nach dem Talibanregime dringend begleiten müssen.

Der Tag wurde somit zu einem wahren Bildungserlebnis. So erfolgte der Abschied schon mit der Vorfreude auf das Wiederkommen zum Eröffnungstag.

Die Aktion LebensTräume und Impuls Afghanistan – zusammen mit dem afghanischen Verein TAMANA – sind im Rahmen der jetzigen Projektreise noch mit der Realisierung folgender Projekte beschäftigt:

LebensTräume in Kunduz werden wahr

# Erstellung eines Brunnens für das Fluechtlingslager Mullah Buzurg in Kabul, wo sich 850 Menschen unter Planen befinden, wobei darunter 600 Kinder sind.

# Aufbau eines Internetcaffes in Kabul für Jungen und Mädchen

# Bereitstellung medizinischer Geräte und von Medikamenten an ein Krankenhaus in Kabul

# Versorgung von Minenopfern durch die Bereitstellung von Prothesen

# Wiederaufbau einer Schule in Bazarak, Panjir-Tal

# Stromversorgung für zwei Doerfer durch die Reperatur und Verbesserung einer Wasserkraftanlage

# Planung und Bauvorbereitung fuer eine neue Mädchenschule in Charikar, Provinz Parvan

In der Vergangenheit wurden bereits zwei Krankenfahrzeuge für die Region Herat und 3 Tonnen medizinische Hilfsgüter zur Verfügung gestellt.

Für die weitere Zukunft planen die Hilfsorganisationen mit ihren Partnern vor Ort die Konzentration auf weitere Bildungsprojekte. Weitere kulturelle und technische Zusammenarbeit soll bereitgestellt werden. Eine Fortsetzung der humanitären Hilfe durch die Überstellung von Hilfsgütern ist geplant.

27.07.03

- LebensTräume in Kunduz werden wahr -

Deutsche Hilfsorganisationen legen Grundstein fuer Schulbau in Nordafghanistan

Liebe Freundinnen und Freunde,

die überaus positive Meldung aus der Fremde wird leider begleitet durch die Meldung,daß sich Afghanistan erneut im Krieg befindet. Pakistan läßt dem Land keine Ruhe. Gemeinsam mit Milizen der Taliban haben sie Angrifffe weit ins Landesinnere getragen. Mehrere Tausend Soldaten befinden sich nunmehr in Gefechten. Die Afghani hatten die internationale Schutztruppe um das Eingreifen gebeten, was auf Grund des eingeschränkten Mandats aber nicht möglich ist. Nur den amerikanischen Truppen ist die Bewegung im ganzen Land gestattet. Sie greifen aber nicht ein, sondern dulden die Kämpfe.

Somit haben die Afghani die Kämpfe erwiedert, den Pakistanis den Krieg erklärt und das sofortige Verlassen des Landes gefordert. Eine kleine Unruhe war zu spüren. Doch seid unbesorgt - so wie die Menschen vor Ort letztendlich auch. Das spielt sich alles weiter im Südosten bei Lalpur in der Region von Jellalabad ab und betrifft somit die Region Kabul nicht.

Wir sind also weiterhin in Sicherheit - und das darf auch so bleiben.

Über euere Lebenszeichen freuen wir uns auch immer wieder.

Bis bald

Klaus und Wahid